Peripartale psychische Erkrankungen sind häufig und betreffen zahlreiche Menschen. Trotz ihrer hohen Prävalenz besteht eine deutliche Versorgungslücke. Das Home Treatment der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich bietet neu einen niederschwelligen, familienzentrierten und effizienten Behandlungsansatz im häuslichen Umfeld. Ein wichtiger Bestandteil der Behandlung ist der Aufbau eines tragfähigen Netzwerks, das die Patientin oder den Patienten und die Familie nachhaltig unterstützt.
Text: Dr. med. Laura zu Bentheim, Oberärztin, und Corinne Brunner, Advanced Practice Nurse
Bilder: Roland Koch
Frau M. ist 30 Jahre alt und hat vor zwei Monaten ihr erstes Kind bekommen. Seit der Geburt ihrer Tochter fühlt sie sich zunehmend überfordert, erschöpft und traurig. Sie erholt sich in der Nacht kaum, obwohl das kleine Mädchen teilweise mehrere Stunden am Stück durchschläft. Im Umgang mit ihrer Tochter fühlt sich Frau M. häufig unsicher. Sie ist überzeugt, keine gute Mutter zu sein, weil sie ihre Tochter manchmal nicht sofort beruhigen kann. Zudem empfindet sie wenig Freude an ihrer neuen Mutterrolle oder auch an Dingen, die ihr früher wichtig waren. Dadurch entstehen bei Frau M. Schuldgefühle und Selbstzweifel. Oft denkt sie: „Andere Mütter schaffen das doch auch – warum also ich nicht?“ Frau M. spricht jedoch kaum über ihre Gefühle und zieht sich zunehmend von Familie und Freunden zurück. Sie fühlt sich innerlich leer und ausgebrannt. Aufgrund der anhaltenden Beschwerden besteht der Verdacht auf eine postpartale Depression.
Peripartale psychische Erkrankungen betreffen nicht nur Frauen
Eine postpartale Depression wie im Beispiel von Frau M. sowie andere peripartale psychische Erkrankungen können im Zeitraum von der Schwangerschaft bis zum Ende des ersten Jahres nach der Geburt eines Kindes auftreten. Jede fünfte Frau entwickelt eine peripartale psychische Erkrankung. Auch 8–10 % der Väter sind betroffen und zeigen im ersten Jahr nach der Geburt ihres Kindes psychische Symptome. Für Betroffene kann eine peripartale psychische Erkrankung zu einer tiefgreifenden und oft einsamen Krise werden – in einem Lebensabschnitt, der gesellschaftlich mit Nähe, bedingungslosem Glück und Erfüllung verbunden wird.
Ganzheitlicher Behandlungsansatz im häuslichen Umfeld
Die Entstehung von peripartalen psychischen Erkrankungen ist multifaktoriell und erfordert einen ganzheitlichen Behandlungsansatz. Die frühzeitige Erkennung und Behandlung sind von zentraler Bedeutung, da peripartale psychische Erkrankungen beträchtliche und langfristige Auswirkungen auf das Wohlbefinden der betroffenen Person, die Entwicklung des Kindes und das gesamte familiäre Umfeld haben können. Das stationsäquivalente Home Treatment ermöglicht eine entsprechende Therapie zu Hause, bei der das Behandlungsteam die Patientinnen und Patienten während meist vier Wochen täglich daheim aufsucht. Dieses besteht aus einer Ärztin oder einem Arzt, einer Advanced Practice Nurse sowie weiteren Fachpersonen aus Pflege, Ergotherapie und Sozialer Arbeit.
Die Behandlung fokussiert auf Psychotherapie, bei Bedarf Medikation, Psychoedukation sowie psychosoziale Unterstützung. Dazu gehören beispielsweise das Erlernen von Fertigkeiten und Strategien im Umgang mit der Erkrankung, Selbstfürsorge, Tagesstrukturierung, die Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung und vor allem der Aufbau eines tragfähigen Unterstützungsnetzwerks.
Zu den klaren Vorteilen des Home Treatments bei peripartalen psychischen Erkrankungen gehört die Betreuung im vertrauten häuslichen und sozialen Umfeld, wodurch eine Trennung von Eltern und Kind vermieden wird. Die Behandlung kann flexibel in den Alltag der Patientinnen und Patienten integriert werden und ermöglicht dem Behandlungsteam gleichzeitig einen direkten Einblick in die häusliche Situation und das Familiensystem. Familienangehörige können bei Bedarf stärker in die Therapie einbezogen werden. Darüber hinaus kann die therapeutische Beziehung im vertrauten Umfeld aufgebaut und alltagsnahe Unterstützung geleistet werden, sodass therapeutische Strategien direkt im Alltag erprobt und gemeinsam angepasst werden können.
Wie Frau M. vom Home Treatment profitiert
Bei Frau M. stehen zunächst das Zuhören und Validieren ihrer aktuellen Situation im Vordergrund. Durch Psychoedukation werden verständliche Informationen über die postpartale Depression und mögliche Zusammenhänge vermittelt. Sie erfährt, dass auch andere Mütter ähnliche Erfahrungen machen. Dadurch werden ihre Gefühle und Beschwerden normalisiert und ihre Schuldgefühle reduziert. Bei den täglichen Hausbesuchen wird Frau M. bei der Selbstfürsorge und beim Aufbau einer Tagesstruktur unterstützt. Zudem werden positive Aktivitäten und Skills wie Achtsamkeitsübungen eingeübt, und Frau M. wird beim Aufbau eines unterstützenden Netzwerks begleitet. Während des Home Treatments geht es Frau M. zunehmend besser. Sie berichtet, wieder Freude an alltäglichen Dingen und insbesondere an ihrer kleinen Tochter zu empfinden. Die weitere Betreuung nach dem Home Treatment ist durch ein tragfähiges Unterstützungssystem sichergestellt.
Weitere Informationen und Kontakt
Detaillierte Informationen zum aufsuchenden Angebot bei peripartalen psychischen Erkrankungen finden Sie hier oder kontaktieren Sie die Verantwortlichen Dr. med. Laura zu Bentheim, Oberärztin, und Corinne Brunner, Advanced Practice Nurse.
Weitere Fragen oder eine Anmeldung von Patientinnen oder Patienten richten Sie bitte ans Home Treatment: Telefon +41 58 384 28 58 oder E-Mail [email protected]
Corinne Brunner (links) und Dr. med. Laura zu Bentheim