Please ensure Javascript is enabled for purposes of <a href="https://userway.org">website accessibility

Nicht alle Schülerinnen und Schüler, die dem Unterricht fernbleiben, tun dies aus Unlust – meist stecken Ängste dahinter. Fachstellen beobachten seit der Pandemie vermehrt solche Fälle. Ein neuer klinikinterner Leitfaden des Zentrums für Kinderpsychiatrie (ZKP) Brüschhalde der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich zeigt, wie Schulabsentismus erkannt, eingeordnet und wirksam behandelt werden kann.

Veronika Mailänder Zelger, Leitende Ärztin am Zentrum für Kinderpsychiatrie (ZKP) Brüschhalde der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Veronika Mailänder Zelger, Leitende Ärztin am Zentrum für Kinderpsychiatrie (ZKP) Brüschhalde der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Text: Veronika Mailänder Zelger

Wie viele Kinder im Kanton Zürich regelmässig der Schule fernbleiben, ist unbekannt – denn trotz wachsender Besorgnis fehlen bis heute kantonale Statistiken zum Schulabsentismus. Fachstellen berichten jedoch von einer deutlichen Zunahme seit der Pandemie. Laut älteren PISA-Daten (2015) wollen rund 10 % aller Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Schule oder schwänzen diese regelmässig. Die Pro Juventute Jugendstudie 2026 liefert eine aktuelle und aufschlussreiche Einbettung dieser Thematik: Schul- und Ausbildungsstress bleibt der wichtigste Stressfaktor bei Jugendlichen. Über ein Drittel der Jugendlichen fühlt sich dadurch unter Druck gesetzt.

Fachleute sind sich einig: Schulabsentismus ist kein Randphänomen und kein kurzfristiges Problem, sondern meist das Ergebnis eines längeren, komplexen Entwicklungsprozesses.

Wie vielschichtig diese Entwicklung sein kann, zeigt exemplarisch der Fall von Tim (12), einem sportlichen, aufgeschlossenen und intelligenten Primarschüler, welcher am Zentrum für Kinderpsychiatrie (ZKP) Brüschhalde wegen Schulabsentismus behandelt worden ist: Was zunächst wie Schulunlust wirkte, entpuppte sich als ausgeprägte Trennungsangst. Über Monate hinweg fiel es Tim zunehmend schwer, das Haus zu verlassen, bis er schliesslich ganz dem Unterricht fernblieb.

Der neue Leitfaden des ZKP Brüschhalde beschreibt, wie Fernbleiben vom Unterricht eingeordnet und therapeutisch angegangen werden kann. Ausgangspunkt ist die klare Erkenntnis: Schulabsentismus entsteht multikausal – unter dem Einfluss individueller, familiärer, schulischer und sozialer Faktoren – und birgt erhebliche Risiken für die emotionale Entwicklung, die Bildungslaufbahn sowie die spätere gesellschaftliche Integration von Kindern und Jugendlichen.

Angst als Auslöser

Am häufigsten stehen angstbedingte Ursachen im Vordergrund, etwa Schulangst oder Trennungsangst, auch als Schulphobie bezeichnet. Anders das sogenannte Schulschwänzen, bei dem Angst keine Rolle spielt, sondern Schulunlust oder die Bevorzugung alternativer Aktivitäten im Vordergrund steht. Bei Tim zeigte sich die Angst besonders deutlich: Tägliche Weinkrämpfe, starke Bindung an die Eltern und zunehmender sozialer Rückzug gingen schliesslich auch mit depressiven Symptomen einher.

Kinder und Jugendliche, die im ZKP Brüschhalde aufgenommen werden, haben meist bereits eine lange Vorgeschichte hinter sich: mehrfach gescheiterte Unterstützungsversuche oder eine erschwerte Zusammenarbeit zwischen Schule, Fachstellen und Eltern – oft verbunden mit monatelangem Schulabsentismus. Auch bei Tim spitzte sich die Situation so weit zu, dass er kaum noch das Haus verliess und eine stationäre Aufnahme notwendig wurde.

Drei Phasen, ein Ziel: Zurück in die Schule

Die Behandlung im ZKP Brüschhalde folgt einem klar strukturierten, dreiteiligen Ansatz und hat die nachhaltige Rückkehr in einen geregelten Schulalltag zum Ziel:

Phase 1 – Stabilisierung und Tagesstruktur: Bereits ab dem ersten Tag ist der regelmässige Besuch der Klinikschule in kleinen Klassen mit maximal 6 Schülerinnen und Schülern geplant, unterstützt durch die Fachpersonen aus Therapie, Pflege und Schule. Für Tim ist dieser Einstieg zunächst schwierig gewesen: Er klammerte sich an den Kontakt zu seinen Eltern und wollte nach Hause. Doch durch klare Alltagsstrukturen, die Unterstützung seiner Eltern, verlässliche Beziehungen und das zunehmende Vertrauen in sein Behandlungsteam ging Tim erste Schritte in Richtung Selbstständigkeit.

Phase 2 – Reintegration vorbereiten: In der zweiten Phase steht die aktive Vorbereitung der schulischen Reintegration im Vordergrund. Dazu gehören individuell geplante «Schnupperphasen» in der Herkunftsschule oder einer neuen Schule. Diese Übergänge werden sorgfältig vorbereitet, eng begleitet und laufend reflektiert. «Erfolg oder Misserfolg eines solchen Schnupperns haben grossen Einfluss auf die nächsten Schritte: Gelingt der erste Versuch, stärkt es das Vertrauen des Kindes und trägt den Prozess weiter», sagt Tuba Halter, Schulleiterin. Parallel dazu lernen Kinder wie Tim, ihre Ängste besser zu verstehen und schrittweise zu bewältigen – und die Eltern ihr Verhalten zu reflektieren und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Phase 3 – Erweiterte Belastungserprobungen und Austritt: In der dritten Phase werden Belastungserprobungen ausgeweitet und der Austritt vorbereitet. Ziel ist ein tragfähiges Unterstützungsnetzwerk für die Zeit nach der Behandlung. Bei Tim zeigte sich der Fortschritt deutlich: Seine Ängste nahmen ab, die depressive Symptomatik klang ab, und erste Schulbesuche in seiner Herkunftsschule wurden wieder möglich. Schliesslich gelang die Rückkehr in den regulären Unterricht.

Früherkennung ist entscheidend

Der klinikinterne Leitfaden und das Behandlungsangebot des ZKP Brüschhalde ergänzt und verzahnt sich mit den kantonalen Empfehlungen zum Vorgehen bei Schulabsentismus. Auch an anderen Standorten der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (KJPP) wie den Psychotherapiestationen für Jugendliche in Zürich, der «Krisenintervention für Jugendliche – Life», den Tageskliniken und dem Home Treatment gibt es wertvolle, innerhalb der KJPP gut vernetzte Therapieangebote bei Schulabsentismus.

Die zentrale Botschaft: Prävention beginnt in der Schule und im schulischen Alltag. Denn es sind Lehrpersonen und pädagogische Fachleute im Schulumfeld, die Veränderungen im Verhalten eines Kindes häufig als Erste wahrnehmen. Umso wichtiger sind Schulungen, Sensibilisierung und ein gemeinsames Verständnis dafür, was hinter dem Schulabsentismus steckt. Schulabsentismus wird dabei nicht moralisch bewertet, sondern als Warnsignal verstanden, das eine koordinierte und verbindliche Antwort erfordert. Erfolgreicher Umgang mit Schulabsentismus setzt frühes Erkennen voraus, klare Strukturen und eine konsequente interprofessionelle Zusammenarbeit – interdisziplinär, multimodal, systemisch und vernetzt – immer unter aktiver Einbeziehung des Kindes oder Jugendlichen und der Eltern. Diesem Anspruch trägt das ZKP Brüschhalde mit seinem spezialisierten Behandlungsangebot für Schulabsentismus Rechnung, das Expertise aus Psychiatrie, Pädagogik und Sozialer Arbeit bündelt.

Tims Fazit am Ende der Behandlung bringt diese Entwicklung auf den Punkt: «Ich habe gelernt, dass ich auch ohne meine Eltern sein kann.»

Zentrum für Kinderpsychiatrie Brüschhalde

Im Zentrum für Kinderpsychiatrie (ZKP) Brüschhalde der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) werden Kinder und Jugendliche von 5 bis 15, in Einzelfällen bis 17 Jahre, bei psychischen Erkrankungen behandelt – auf drei Psychotherapiestationen, einer Kurzinterventionsstation und in einer Tagesklinik mit insgesamt 40 Behandlungsplätzen. Psychotherapie und -Spezialtherapie, pädagogische Betreuung und schulische Förderung greifen dabei eng ineinander. Der Einbezug der Eltern und Erziehungsberechtigten in die Behandlung ist wichtig und wertvoll. Es werden Kinder und Jugendliche mit allen psychischen Erkrankungen behandelt, mit Ausnahme von Substanzkonsum. Spezialisiert hat sich die Klinik unter anderem auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Essstörungen, Angst- und Zwangserkrankungen, Schulabsentismus und das Thema Traumapädagogik. Eine Besonderheit und wertvolle Ergänzung zum Therapieangebot bietet in der Klinik der Einsatz von Tieren – von Pferden über Schulsozial- und Therapiehunde bis hin zu Schafen.

Zu den Personen:

Veronika Mailänder Zelger ist Leitende Ärztin am Zentrum für Kinderpsychiatrie (ZKP) Brüschhalde der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Veronika Mailänder Zelger unterrichtet als Dozentin an der Universität Zürich und diversen Hochschulen der Schweiz. Sie ist Mitglied der Schulkommission der Kantonsschule Uetikon am See und der kantonalen Kindesschutzkommission.

Tuba Halter ist Schulleiterin der Klinikschule am Zentrum für Kinderpsychiatrie (ZKP) Brüschhalde der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. In dieser Funktion verantwortet sie die pädagogische und organisatorische Leitung der Klinikschule und fördert die enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Therapie und Pflege. Neben ihrer Leitungsfunktion ist sie als ausgebildete schulische Heilpädagogin auch im Unterricht tätig.

Notfall Anmeldung