Mit dem neuen Institut für Translationale Psychiatrie über die Lebensspanne stärkt die PUK die Verbindung von Grundlagenforschung und klinischer Praxis. Prof. Dr. Sofie Valk übernimmt ab Oktober den Aufbau des Instituts. Im Interview spricht sie darüber, wie Neurowissenschaften, soziale Faktoren, Genetik und computergestützte Methoden zusammenwirken können, welche Chancen der Forschungsstandort Zürich bietet – und warum sie psychische Gesundheit konsequent über die gesamte Lebensspanne hinweg betrachten möchte.
Interview: Prof. Dr. Susanne Walitza
Bild: Kerstin Flake @cbsmpi
Liebe Frau Valk, am 1. Oktober haben Sie Ihre neue Professur an der PUK angetreten. Sie werden das neue Institut für «Translationale Psychiatrie über die Lebensspanne» aufbauen. Was hat Sie an dieser Aufgabe besonders gereizt?
Es ist eine grossartige Gelegenheit, etwas Neues von Grund auf aufzubauen, das einen direkten Bezug zur Medizin hat, insbesondere zur Erforschung der psychischen Gesundheit sowie psychiatrischer Erkrankungen und Störungen.
Sie haben auch Philosophie studiert. Was nehmen Sie aus der Philosophie in Ihre aktuelle Forschung mit?
Ewige Neugier und Kreativität beim Finden von Lösungen. Vielleicht auch einen eher analytischen Ansatz im Denken, die Fähigkeit, Fragen von verschiedenen Seiten zu betrachten, bevor man Schlüsse zieht.
Der Begriff «translationale Psychiatrie» wird häufig verwendet. Was bedeutet er konkret für Ihr Institut und für Patientinnen und Patienten?
Für mich bedeutet es, Brücken zwischen den Disziplinen zu schlagen, die das Gehirn und seine Umwelt erforschen. So können wir neue Ansätze entwickeln, die Patientinnen und Patienten wirklich helfen. Genauso wichtig ist es, den umgekehrten Weg zu gehen und die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten mit der Forschung zu verbinden. Denn um psychische Gesundheit wirklich zu verstehen und zu fördern, müssen wir auch die Fragen stellen: Was ist psychische Gesundheit, wie erhalten wir sie? Im Zeitalter von Datenmanagement und Künstlicher Intelligenz sehe ich auch eine grosse Chance, Klinik und Wissenschaft enger zu verbinden, zum Beispiel durch Methoden und Erkenntnisse, die zeigen, dass biologische und soziale Faktoren keine zwei getrennten Welten sind, sondern untrennbar miteinander verbunden. Ein interdisziplinäres Denken, das diese Komplexität ernst nimmt, ist meiner Meinung nach in der Psychiatrie und generell sehr wichtig.
In Ihrer Forschung verbinden Sie Neurowissenschaften, Informatik, soziale Faktoren und Genetik. Welche neuen Erkenntnisse erwarten Sie von diesem interdisziplinären Ansatz?
Meiner Erfahrung nach ist alles, insbesondere das Gehirn, ein komplexes System. Wenn wir das Gehirn und den Geist auf vielen Ebenen integrativ erforschen, können wir neue Mechanismen entdecken und Wissen aus verschiedenen Disziplinen miteinander verbinden. So entsteht etwas wirklich Neues, denn die Antwort liegt meistens nicht auf einer einzigen Ebene. Der Zusammenhang zwischen sozialer Umwelt und Gehirn lässt sich nur verstehen, wenn man all diese Ebenen zusammen betrachtet. Dabei sind computergestützte Methoden das A und O.
Das Institut trägt den Zusatz «über die Lebensspanne». Weshalb ist dieser Blick von der Kindheit bis ins hohe Alter für die Psychiatrie so wichtig?
Leider wissen wir noch wenig darüber, wie frühere Erfahrungen unser Gehirn formen, obwohl viele Menschen intuitiv sagen würden, dass wir das Ergebnis unseres gesamten bisherigen Lebens sind. Ein integrativerer Ansatz könnte Gehirn und psychische Gesundheit über die gesamte Lebensspanne zusammenführen und uns dabei helfen, Verläufe besser zu verstehen und gegebenenfalls umzulenken.
Zürich vereint mit der UZH, der ETH, der PUK und den universitären Spitälern ein aussergewöhnlich starkes Forschungsumfeld. Welche Chancen eröffnet das für Ihr Institut?
In Zürich kommt aussergewöhnlich viel zusammen: die UZH, die ETH, die PUK und die Universitätsspitäler. Dadurch entsteht eine Dichte an Expertise und Initiative, die selten zu finden ist. Für mich persönlich ist es genau das richtige Umfeld, um wirklich Neues zu schaffen. Ein eigenes Institut bietet den nötigen Horizont und Spielraum, um neue Ansätze von Grund auf zu entwickeln – Ansätze, die Zeit und Investitionen erfordern, aber letztlich neue Lösungen für alte Probleme bieten können. Ich glaube, dass gerade die Breite meines Forschungskonzepts – über Disziplinen und Ebenen hinweg – etwas wirklich Einzigartiges entstehen lassen kann.
Welche Chancen sehen Sie in der Zusammenarbeit mit dem LOOP*?
Sehr viele! Ich sehe LOOP als einen der wesentlichen Bausteine, um verschiedene Datensätze und -arten miteinander zu verbinden und somit komplexe, skalenübergreifende Fragen zu beantworten. Gerne möchte ich gemeinsam kreative und zugleich solide Lösungen entwickeln, um beispielsweise neue Erkenntnisse in der Biomedizin, insbesondere in den Neurowissenschaften und der Psychiatrie, zu generieren, effizient zu rechnen und dabei die Privatsphäre von Patientinnen und Patienten ausreichend zu schützen.
Sie bringen auch Ihre Familie mit nach Zürich. Was denken Sie, wird Ihnen hier besonders gefallen?
Das müssen wir noch herausfinden! Ich komme aus dem flachen Holland und liebe das Meer. Die Berge sind für mich also eine ganz neue Welt. Aber ich glaube, wir freuen uns alle auf die Natur, die neuen Möglichkeiten sowie hoffentlich neue Freundschaften und Abenteuer. Als Mutter ist mir bewusst, dass berufliche Entscheidungen nicht nur mich betreffen. Umso grösser ist die Verantwortung, wenn meine Familie diesen Weg mit mir geht. Aber ich bin überzeugt, dass wir das gemeinsam meistern werden, da dieser Schritt für uns alle bereichernd ist und uns beruflich wie privat neue Horizonte eröffnet.
*The LOOP Zurich ist ein translationales Forschungszentrum mit Ausrichtung auf die Präzisionsmedizin