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Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung stehen oft vor unsichtbaren sozialen Hürden. Ein Zürcher Trainingsprogramm namens KOMPASS zeigt nun, dass sich solche Fähigkeiten gezielt erlernen lassen – mit messbaren und nachhaltigen Erfolgen, wie eine aktuelle Studie belegt.

Text: Marita Fuchs
Bild: Markus Breulmann

Die Jugend und das junge Erwachsenenalter sind eine Entwicklungsphase, in der viele Herausforderungen zusammentreffen: Freundschaften werden neu definiert, Interessen verändern sich, und der Einstieg ins Berufsleben rückt näher. Für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), die soziale Signale häufig nicht intuitiv erfassen, können diese Veränderungen den Alltag besonders erschweren.

Hier setzt das Zürcher Sozialkompetenztraining KOMPASS an. Das Programm richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 25 Jahren und verfolgt einen klar strukturierten Ansatz: Soziale Fähigkeiten sollen nicht nur im Alltag erfahren, sondern systematisch vermittelt und eingeübt werden.

Soziale Kompetenz als Trainingssache

KOMPASS ist ein sogenanntes manualisiertes Training – die Inhalte sind standardisiert und strukturiert aufgebaut. Statt Vokabeln zu lernen oder Rechenaufgaben zu lösen, üben die Teilnehmenden etwa, Emotionen zu erkennen, Gespräche zu führen oder nonverbale Signale richtig zu deuten. Was für viele selbstverständlich ist, wird dabei Schritt für Schritt erklärt und trainiert.

Der Ansatz nutzt eine besondere Stärke vieler Menschen mit ASS: die Fähigkeit, Regeln und Muster analytisch zu erfassen. «Soziale Interaktion wird gewissermassen übersetzt in etwas, das verstehbar und lernbar ist», erklärt Bettina Jenny, Autorin des KOMPASS-Manuals.

Messbare Fortschritte

Dass dieser Ansatz wirkt, legt eine umfangreiche Studie von Forschenden der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) nahe, in der über 100 Teilnehmende untersucht wurden. Die Forschenden kombinierten Selbstberichte mit Einschätzungen von Eltern und Lehrpersonen sowie computergestützten Tests. Ein Teil der Teilnehmenden wurde zunächst während einer Wartezeit beobachtet, bevor das Training begann. Dieses Design ermöglicht es, Veränderungen während der Trainingsphase mit einer gleich langen Phase ohne Training zu vergleichen, in der lediglich übliche Standardtherapien stattfanden.

Das Ergebnis: Während der Trainingsphase nahmen soziale und autismusspezifische Schwierigkeiten signifikant ab, während gleichzeitig die sozialen Kompetenzen zunahmen. Bemerkenswert ist die Nachhaltigkeit der Effekte: Auch ein Jahr nach Abschluss des Trainings blieben die Verbesserungen bestehen.

Zudem zeigten sich positive Wirkungen über die eigentlichen Zielbereiche hinaus. Allgemeine psychische Belastungen, insbesondere im sozialen Bereich, gingen zurück, und sowohl die Teilnehmenden als auch ihre Angehörigen bewerteten das Training überwiegend als hilfreich.

Um zu prüfen, ob die Ergebnisse auch im klinischen Alltag reproduzierbar sind, wurde das KOMPASS-Manual an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in vier externen Kliniken weitergegeben. Diese führten das Training eigenständig und ohne zusätzliche Anleitung durch die Studienautorinnen und -autoren durch. «Auch unter diesen realen Versorgungsbedingungen zeigten sich vergleichbare Fortschritte», sagt Psychologin Maya Schneebeli. Das spricht für die Stärke des standardisierten Manuals und verweist auf einen wichtigen Trend in der modernen Psychotherapie: Interventionen sollen nicht nur wirksam, sondern auch übertragbar und skalierbar sein.

Zwischen Forschung und Praxis

Gleichzeitig bleiben Einschränkungen bestehen. Die zugrunde liegende Studie basiert nicht auf einem streng randomisierten Design, und nicht alle Aspekte der Umsetzung wurden im Detail kontrolliert. Dennoch ergibt sich ein insgesamt robustes Bild: «Soziale Kompetenzen lassen sich – zumindest bis zu einem gewissen Grad – gezielt fördern», sagt Professorin Susanne Walitza, Mitautorin der Studie.

In einem geplanten Projekt an der PUK soll die Therapie künftig mithilfe einer Virtual-Reality-Umgebung weiterentwickelt und noch mehr Patientinnen und Patienten zugänglich gemacht werden, sagt Maya Schneebeli.

Entwickelt wurde KOMPASS ursprünglich in Zürich an der PUK, doch seine Anwendung reicht heute über einzelne Standorte hinaus. Programme wie dieses stehen exemplarisch für eine Entwicklung, die auch im Bereich der digitalen Psychotherapie an Bedeutung gewinnt: die Verbindung von wissenschaftlich fundierten Methoden mit praxisnaher Umsetzung.

Zur Studie: 10.1016/j.jpsychires.2026.02.025

«Während der Trainingsphase nahmen soziale und autismusspezifische Schwierigkeiten signifikant ab», Dr. Maya Schneebeli (links), Psychologin und Klinische Wissenschaftlerin und Dr. Bettina Jenny, Leitende Psychologin.

«Während der Trainingsphase nahmen soziale und autismusspezifische Schwierigkeiten signifikant ab», Dr. Maya Schneebeli (links), Psychologin und Klinische Wissenschaftlerin und Dr. Bettina Jenny, Leitende Psychologin.

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